Epigenetik

Weniger als fünf Prozent der Bevölkerung leidet an einem genetisch vererbten Geburtsdefekt, mehr als 95 Prozent der Menschen haben also ein intaktes Erbgut und könnten ein gesundes Leben führen. Auf die Frage, warum die große Mehrheit der Bevölkerung, die mit einem intakten Genom geboren wurde, trotzdem Fehlfunktionen und Krankheiten entwickelt, liefern die Forscher bislang keine zufrieden stellenden Antworten.

Hier könnte uns nun die Epigenetik weiterhelfen, die uns lehrt, dass die Umwelt bzw. unsere Wahrnehmung der Umwelt unser Verhalten und unsere Genaktivität unmittelbar steuert. Das Verhalten unserer Zellen entscheidet damit u.a. über Gesundheit und Krankheit.

An dieser Stelle ist nur Platz für eine kurze Zusammenfassung, ausführlich beschreibe ich die spannenden Erkenntnisse dieser jungen Forschungsrichtung in meinem Buch Nicht kratzen, waschen! Neurodermitis verstehen und heilen. Ich bin überzeugt, dass die Epigenetik unsere Sicht auf und unseren Umgang mit Krankheiten entscheidend verändern wird, sofern wir bereit sind, diese Erkenntnisse in unser Leben zu integrieren.

Wichtigste Erkenntnis der Epigenetik ist, dass der seit über 50 Jahren vorherrschende Glaube, unser Erbmaterial kontrolliere unsere Biologie, korrigiert werden muss. Die Überzeugung, unsere Gene bestimmten unser Schicksal, wir seien also Opfer unseres Erbguts, beruht auf den Erkenntnissen der Forscher James Watson und Francis Crick, die im Jahr 1953 erstmals den Aufbau der Desoxyribonukleinsäure (DNS) beschrieben und für ihre damals bahnbrechende Erkenntnis 1962 den Nobelpreis erhielten. Seit dieser Zeit haben Biologen angenommen, dass die Gene das Leben kontrollieren und unser Verhalten steuern, ein Konzept, das genetischer Determinismus genannt wird.

Zwei Zellen können jedoch dieselbe genetische Information enthalten und trotzdem entwickelt sich eine zur Leberzelle und die andere zur Gehirnzelle, mit völlig unterschiedlichen Funktionen. Es stellte sich also die Frage, welcher Vorgang für diese Spezialisierung verantwortlich ist oder sie begünstigt, da Anweisungen benötigt werden, welcher Schritt wann auszuführen ist.

Schlussfolgerungen aus den Erkenntnissen der Epigenetik

Die gute Nachricht der Epigenetik ist, dass außer unserer Augen- und Haarfarbe nur sehr wenig in unseren Genen festgeschrieben ist. Der überwiegende Teil der Ausprägungen unseres Seins ist nicht im Erbgut angelegt, sondern aufgrund von Umwelteinflüssen entstanden und somit veränderlich.
Wenn wir dieses Wissen verinnerlichen und anerkennen, dass nicht die Gene, sondern unsere Wahrnehmung und Interpretation der Umwelt Krankheit und Wohlbefinden steuern, erlangen wir einen großen Handlungsspielraum, können die „Macher unseres Lebens“ werden. Wir müssen uns lediglich bewusst machen, dass epigenetische Merkmale im Gegensatz zum Erbgut zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens von uns selbst verändert werden können.